Wildschwein frisst Förster aus der Hand

Zum Foto: Fürs erste aber haben weiterhin die Wildschweine die Vorherrschaft im Gatter. 

Im Roetgener Wildschweinpark gibt es ungewöhnliche Verhaltensweisen zu bestaunen. Die Grünen möchten das Gehege abschaffen.

Roetgen. „Dieses Verhalten ist absolut nicht normal“, sagt der Roetgener Gemeindeförster Wolfgang Klubert. Er könnte damit den politischen Vorstoß der Fraktion der Grünen meinen, die das seit 35 Jahren im Gemeindewald bestehende Schwarzwildgehege am liebsten schließen möchten, aber er meint etwas völlig anderes, denn absolut unnormal ist das Verhalten des Wildschweins „Susi“. Die anderthalb Jahre alte Bache gehört erst seit einigen Monaten zur Roetgener Schwarzwildfamilie, und war laut Klubert „sehr leicht zu integrieren.“ Was damit gemeint ist, kann man beobachten, wenn der Förster das Gehege unterhalb der Rakkeschwiesen betritt und „Susi“ auf Zuruf nicht lange auf sich warten lässt.

Auch Frischlinge ohne Scheu

Die Bache läuft freudig wie ein Haushund auf Wolfgang Klubert zu, der sich mit einem Eimer geschrotetem Getreide zu dem Tier hinunterbeugt. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, frisst sie dem Förster aus der Hand, doch es wird noch ungewöhnlicher: Wenige Sekunden später folgen der Wildschwein-Mutter zwei Frischlinge, die Anfang Mai im Roetgener Wald das Licht der Welt erblickten und ebenfalls keinerlei Berührungsängste haben. Nun weiß jeder Laie, dass mit Bachen, die gerade Frischlinge zur Welt gebracht haben, nicht zu spaßen ist und diese den Menschen in der Regel attackieren, wenn er sich dem Nachwuchs nähert – egal ob im Gehege oder in der freien Wildbahn.

Fürs erste aber haben weiterhin die Wildschweine die Vorherrschaft im Gatter.Peter Stollenwerk
Eifeler Zeitung

Anders aber das völlig entspannte Bild im Roetgener Wildschweinpark: Während Wolfgang Klubert sich mit „Susi“ beschäftigt, kommen die beiden Frischlinge, die übrigens noch keine Namen haben, zum Säugen. Erst als Keiler Rudolf, der neue Liebhaber, aus dem Unterholz naht, ist es klüger, das Gatter jetzt zügig zu verlassen.

Tierarzt hat „Susi“ aufgezogen

Klubert bezeichnet die junge Bache als „absolut frühreif“. Das Tier sei im Taunus von Spaziergängern als verloren geglaubter Frischling mitgenommen worden und einem Tierarzt in Obhut gegeben worden. Dieser habe „Susi“ dann bei sich zu Hause großgezogen. „Ihr bester Kumpel war ein Rammler“, lacht Klubert, der das zahme und absolut friedliche Tier in den Roetgener Wildschweinpark übernahm.

„Susi“ ist natürlich jetzt die Nummer eins bei den Besuchern, denn die Bache sucht geradezu die Nähe der Menschen, dennoch warnt Klubert vor einem zu leichtfertigen Umgang. „Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, die Hand durch den Zaun zu schieben.“ Bei aller Liebe: „Susi“ ist immer noch eine Wildsau.

Ob „Susi“ oder früher der Keiler „Ludwig“: Es hat schon einige legendäre Wildschweine im Roetgener Gehege gegeben, und als Besuchermagnet hat sich der Park über die Jahrzehnte einen Namen gemacht. Das Gebiet wurde noch aufgewertet durch den unmittelbar angrenzenden Kindergartenwald, ein waldpädagogisches Gelände, das seit 1999 existiert.

Doch wenn es nach den Roetgener Grünen gehen würde, dann würde das Gehege ab 2017 geschlossen. „Bringt nichts, nützt nichts und ist zudem nicht artgerecht“, hatte Bernhard Müller (Grüne) im Rahmen der Haushaltsberatungen Anfang März für seine Fraktion die Schließung des Wildschweinparks gefordert, der zudem die Gemeinde jährlich 40 000 Euro koste.

Der Antrag der Grünen auf Schließung des Wildschweinparks, der für einigen Wirbel sorgte, wurde jedoch bereits in der Hauptausschusssitzung abgelehnt und fand auch in der jüngsten Sitzung des Umwelt-, Touristik- und Forstausschusses keine Zustimmung.

„Die Tiere fühlen sich sauwohl.“Helmut Mulorz, SPD,
zum Wildschweinpark Roetgen

Nachdem Verwaltung und Gemeindeförster Wolfgang Klubert zunächst einmal unmissverständlich erläutert hatten, dass die jährlichen Unterhaltungskosten lediglich bei rund 12 000 Euro liegen würden, änderte das nichts an der grundsätzlichen Kritik der Grünen, denn Ausschussmitglied Lukas Benner (Grüne) ging es um die grundsätzliche Frage, ob es artgerecht sei, 14 Wildschweine in einem Gatter zu halten. Die Alternative wäre die Gestaltung eines naturnahen Erlebniswaldes. Mit vordergründiger Waldromantik konnte sich Benner nicht anfreunden: Den Kindern könne man auch auf andere Weise die Natur näherbringen, „als Tiere in Gefangenschaft zu halten“. Christa Heners (Grüne) ergänzte, dass der Kindergartenwald nicht zwingend an das Gehege gekoppelt sei. In der Bevölkerung habe man auch negative Äußerung über den Park („Es stinkt“) vernommen.

Diskussion über den Park

„Dann müssten die Grünen konsequenterweise auch fordern, alle Zoos zu schließen“, konterte Stephan Speitkamp (CDU). Im Vergleich zu anderen Einrichtungen sei das Roetgener Gehege sehr weitläufig. Der Schwarzwildpark stelle längst eine Attraktion für Erwachsene und Kinder dar und bedeute eine der wenigen touristischen Attraktionen in Roetgen.

Gemeindeförster Klubert bezeichnete es als „bedauernswert“, wenn das Gehege, das in der Bevölkerung „tief verwurzelt sei“, geschlossen würde. Mit dem Kindergartenwald bilde es eine Einheit, und aufgrund seiner Größe stehe die artgerechte Haltung außer Zweifel, auch wenn ein Gehege immer nur „ein Kompromiss“ sein könne.

„Die Tiere fühlen sich sauwohl“, war auch der Eindruck von Helmut Mulorz (SPD), und Patrick Jansen (UWG) stellte fest, „dass der Wildschweinpark zu Roetgen gehört“.

Der abschließende, eventuell nicht ganz ernst gemeinte Alternativvorschlag von Dr. Georg Dittmer (FDP), es vielleicht mit Krokodilen im Roetgener Wald zu versuchen, wurde nicht ernsthaft diskutiert, wenngleich Janine Köster (SPD) grundsätzlich nicht ausschließen wollte, „über Alternativen nachzudenken“.

Für jede Sau ein halbes Fußballfeld: 14 Tiere auf fünf Hektar Fläche

Der Wildschweinpark Roetgen wurde 1980 gegründet. Direkt unterhalb des Schleebachgrabens, in der Nähe des Parkplatzes „Im Todt“ liegt das rund fünf Hektar große Schwarzwildgehege der Gemeinde Roetgen.

Entlang des Geheges verläuft auch der neu angelegte Waldlehrpfad sowie für die kleinen Besucher der Kindergartenwald. Das Gelände ist integriert in das Schwarzwildgehege inmitten der Natur. Ein Teil des Kindergartenwaldes wurde für die Kindergärten (auch von auswärts) eingerichtet. Der zweite Teil des Geländes ist für jedermann zugänglich.

Anfangs waren bis zu 35 Stück Schwarzwild im Gehege untergebracht, heute sind es nur noch 14 Tiere. Rein rechnerisch steht damit jeder Sau die Fläche eines halben Fußballfeldes zur Verfügung. Dank des reichhaltigen Eichenbestandes finden die Tiere auch natürliche Nahrung; ansonsten werden sie mit geschrotetem Getreide versorgt.

Die Unterhaltung des Geheges erfolgt in Kooperation mit den Fachbehörden der Städteregion Aachen. Laut Roetgener Gemeindeverwaltung hat es seit 1980 keine Hinweise auf eine nicht artgerechte Haltung gegeben.

Laut Gemeindeförster Klubert leben derzeit sechs Frischlinge im Gehege, möglicherweise sind es auch acht. Um die Population stabil zu halten, werden im Herbst sechs Alttiere erlegt.

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