Wie viel Entwicklung verträgt Roetgen?

Quelle: Eifeler Zeitung
Bericht und Foto: Heiner Schepp

Entwicklung nach außen, besonders in die sensiblen Naherholungsbereiche(links unten) südwestlich von Bundesstraße und Vennbahn, sind von der Bevölkerung und Teilen der Politik nicht gewollt. Auch eine Entwicklung nach innen birgt Nachteile – ebenso wie ein „Null-Wachstum“.

Diskussion zum Regionalplan: Soll die Gemeinde weiter wachsen oder hat sie ihre strukturell verkraftbare Größe erreicht?

Roetgen. Wie viel Entwicklung braucht Roetgen? Und vor allem: Wie soll sich die Gemeinde künftig entwickeln? Soll das ungebremste Wachstum der vergangenen Jahrzehnte – sowohl baulich wie auch einwohnermäßig – weitergehen oder hat die kleinste Nordeifelgemeinde ihre verkraftbare Größe erreicht? Knapp zwei Stunden lang beschäftigte sich der Roetgener Bauausschuss kürzlich vor einer größeren interessierten Zuhörerschaft erneut mit diesen Fragen.

Anlass waren erneut die Überarbeitung des Regionalplans und ein Antrag der PRB-Fraktion, die im künftigen Plan die Bereiche für Land- und Forstwirtschaft sowie Naherholung in ihrem Umfang mindestens so erhalten sehen möchte wie im Gebietsentwicklungsplan 2003. Am Ende der Debatte wurde das Thema erneut vertagt, diesmal jedoch mit der Maßgabe, in einer Sondersitzung des gleichen Gremiums zu diesem Thema ins Detail zu gehen und jede Fläche einzeln auf eine bauliche Entwicklung hin abzuklopfen.

Segel, Pappelallee, Stockläger

„Die Diskussion zur Entwicklung der Gemeinde ist nicht schwarz-weiß zu führen“, mahnte Bürgermeister Jorma Klauss in seinen einleitenden Worten, doch exakt das geschah in der folgenden Debatte. Auf der einen Seite die Befürworter einer räumlich wie zahlenmäßig weiter wachsenden Gemeinde, auf der anderen Seite die Vertreter einer behutsameren Weiterentwicklung Roetgens, jedoch zwingend ohne „Landschaftsverbrauch“ an den Außengrenzen.

Die Diskussion zur Entwicklung der Gemeinde ist nicht schwarz-weiß zu führen.

Bürgermeister Jorma Klauss

Die Gebiete Segel, Pappelallee, Stockläger und auch Teile von Rott tauchen auf, wenn von einer möglichen Außenentwicklung die Rede ist. „Eine Bebauung dieser heute meist offenen Wiesenflächen hätte den Vorteil, dass der Charakter der Gemeinde insbesondere Roetgen und Rott – als Flächengemeinde mit relativ loser Bebauung und unbebauten Grünflächen in den Innenbereichen erhalten bleiben könnte“, heißt es in einem Diskussionspapier der Gemeinde Roetgen von 5. März. Das Wachstum an den Siedlungsrändern und entlang bestehender Wege sei aber „kritisch zu bewerten“, vor allem weil „die offenen Wiesenlandschaften rund um Roetgen grundsätzlich einen hohen Wert als ortsnahe Erholungsflächen“ hätten, wie es weiter heißt. Zudem führe eine Zersiedelung zu längeren innerörtlichen Wegen sowie einer verstärkten Nutzung von Kraftfahrzeugen und widerspräche auch der vom Land verfolgten Entwicklungsstrategie einer Verdichtung von Innenbereichen.

Warum also keine Fortsetzung der Innenentwicklung nach den Vorbildern Baumviertel und Hackjansbend, Im Dorf, Grepp und Gehaaks und mit dem Vorteil einer effizienteren und besseren Nutzung der öffentlichen Infrastruktur in den Ortskernen?

Innenentwicklung ortstypisch?

„Die Entwicklung in Innenbereichen ist nicht ortstypisch und birgt die Gefahr, dass insgesamt der Charakter einer lockeren Besiedlung verloren geht“, so das Diskussionspapier, das sogleich die Überlegung eines „Null-Wachstums“ nahelegt. „Dies würde die Entwicklungsmöglichkeiten in den kommenden Jahrzehnten jedoch in einem Maße einschränken, das nicht verantwortbar scheint“, glaubt die Verwaltung und zeigt im Diskussionspapier das Szenario eines „Null-Wachstums“ auf: In Rott und Mulartshütte sowie außerhalb des Allgemeinen Siedlungsbereiches (ASB) in Roetgen wäre, abgesehen von privaten Baulücken, zukünftig keine Möglichkeit mehr gegeben, ein Haus zu bauen. Auch innerhalb des ASB bestünde Entwicklungsmöglichkeit nur noch im geplanten Baugebiet Grepp 2 sowie „Am Ziegel“. „Für viele junge Roetgener würde dies nur noch eine sehr eingeschränkte Perspektive für den Aufbau einer eigenen Existenz in Roetgen bedeuten. Bereits heute hat dieser Personenkreis erhebliche Probleme, Bauland zu finden. Und ein Zuzug von jungen Familien würde nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt stattfinden“, hält das Papier fest und folgert: „Es wären daher erhebliche negative Auswirkungen im Hinblick auf Nachwuchs für unser Gemeinwesen zu befürchten.“
Eine massive Bevölkerungsverdichtung in der bestehenden Wohnbebauung und das Verhindern einer Erweiterung des bestehenden Gewerbegebietes auf die dem heutigen Gewerbegebiet gegenüber der Bundesstraße liegende Fläche seien weitere Argumente gegen ein „Null-Wachstum“ für Roetgen, hielt auch Bürgermeister Jorma Klauss im Bauausschuss fest. „Wenn wir also ein Wachstum nicht ausschließen, dürfen wir nicht zwingend nur auf den Innenbereich schauen, sondern müssen zumindest auch über Außenbereiche sprechen dürfen“, fasste der Bürgermeister die Argumente zusammen.
Anzustreben sei eine gemeinsam getragene Entwicklungsstrategie, in der grundsätzlich und mit einer Priorisierung für eine Bebauung in Betracht zu ziehende Bereiche definiert werden. „Diese könnten sowohl Flächen beinhalten, die sich im heutigen ASB befinden, als auch Flächen umfassen, die außerhalb davon liegen. Ein Hauptaugenmerk ist dabei auf die Behutsamkeit der Entwicklungsvorhaben zu legen. Dies gilt insbesondere für Entwicklungen außerhalb des heutigen Allgemeinen Siedlungsbereiches“, wie es im Diskussionspapier heißt.

Bauamtsleiter Dirk Meyer erläuterte auf Anfrage von Wolfgang Schruff die Zeitschiene bezüglich des Regionalplans, für dessen Roetgener Stellungnahme die Diskussion letztlich geführt wurde. Ursprünglich seien die Kommunen zu einer Meinungsfindung bis Ende Dezember 2017 aufgefordert gewesen, „woraufhin alle Städte und Gemeinden in unheimlichen Aktionismus verfallen“ seien, blickte Meyer zurück. Mittlerweile aber heiße es, bis 2020 müsse maximal der Vorentwurf des neuen Regionalplans vorliegen. „Wir haben also Zeit“, meinte Meyer, um gleich hinterherzuschicken: „Aber die brauchen wir auch, denn in dieser Sache ist es nicht mit ein, zwei Sitzungen getan.“

Sondersitzung geht ins Detail

In den Sondersitzungen des Bauausschusses soll von jeder in Frage kommenden Fläche im Außenbereich wie auch innerhalb des bestehenden Siedlungsbereichs ein Kartenausschnitt als Diskussionsgrundlage dienen. Dieser werde dann nach einer fünfstufigen Priorisierung bewertet. Wann die erste Sitzung stattfindet, steht noch nicht fest; fest steht aber, dass auch diese Sondersitzungen öffentlich sein werden.

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Mit einer Folie zum Glasfaserausbau fing alles an…

Roetgens Gemeinderat und seine Ausschüsse haben seit dem Herbst vergangenen Jahres schon manche Stunde und sehr kontrovers über das Thema Entwicklung diskutiert. Auslöser dieser bis jetzt andauernden Grundsatzdiskussion war das Auflegen einer Folie im Rahmen einer Informationsveranstaltung am 12. Oktober 2017, bei der es um zwei Fragen ging: Was ist ortstypische Bebauung in Roetgen und welche Maßgaben gelten für die Entwicklung von Roetgen im Hinblick auf einen Erhalt der Ortstypik?

Im Zuge eines Gutachtens, das dazu von der RWTH Aachen erarbeitet wurde, zeigte eine der vielen an diesem Abend aufgelegten Folien zum theoretischen Ausbau des Glasfasernetzes auch eine mögliche Bebauung von Flächen im Außenbereich auf, die heute vorrangig der Naherholung und Landwirtschaft dienen. Obwohl die Gemeinde diese Option nur als ergebnisoffenen Denkanstoß verstanden wissen wollte, löste das Auflegen der Folie beim gut besuchten Infoabend eine heftige Reaktion und Diskussion bei den Zuhörern und in der Folge auch in der Bevölkerung aus, die sich schließlich in der Politik fortsetzte.

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