Braucht Roetgen eine Baumschutzsatzung?

Das Gestaltgutachten für die Gemeinde Roetgen hält sich zwar mit konkreten Vorschlägen zurück, gibt aber die Richtung vor.

„Die Gemeinde Roetgen ist ein absolutes Unikat“, sagt Professor Rolf Westerheide. Wer wollte dieser Aussage widersprechen? Der RWTH-Professor aus Aachen hat mit seinen Mitarbeitern und Studenten in zweijähriger Arbeit ein sogenanntes Gestaltgutachten für die Gemeinde Roetgen erarbeitet. Jetzt ist die 180-Seiten-Arbeit abgeschlossen, und in der diskussionsfreudigen Kommune soll die anstehende Erörterung mit Rat, Verwaltung und Bürgern nun zeigen, welche Anregungen und Erkenntnisse aus dem Gutachten geeignet sind, der Kommune richtungweisende Impulse für die ihre künftige Entwicklung zu geben und was überhaupt konkret umsetzbar ist. Im Blickpunkt steht dabei vor allem die Wohnsiedlungs- und Gewerbeflächenentwicklung, die im Zuge der Neuaufstellung des Regionalplans thematisch mit dem Gutachten verbunden werden soll.

Im Bauausschuss der Gemeinde Roetgen gab es schon einmal einen Vorgeschmack auf das im Gutachten vorhandene Diskussionspotenzial, nachdem Rolf Westerheide und Architekt Stefan Krapp das Papier in seinen Grundzügen vorgestellt hatten. Die Resonanz fiel ausgesprochen positiv aus. Besonders die differenzierte und wertfreie Betrachtung der Gutachter gefiel den Ortspolitikern. Der inhaltlichen Diskussion aber sollte nicht vorgegriffen werden. Diese wird in einer Bürgerversammlung stattfinden, die in Kürze anberaumt wird und erste Eindrücke vermitteln soll, welche Erwartungen die Bürgerschaft mit dem Gestaltgutachten verbindet. So lautete der einstimmig gefasste Beschluss.

Keine Ausweisung von Bauflächen

Auch wenn sich das Gutachten mit konkreten Handlungsempfehlungen zurückhält, regte Stefan Krapp die Auseinandersetzung mit der Aufgabe an, für die Gemeinde Roetgen eine Baumschutzsatzung für raumprägende Gehölze zu erlassen. Aus seiner Sicht sei eine solche Satzung „unabdingbar“, da es in Roetgen eine Vielzahl „sensibler Bereiche“ gebe. Konkret wurde er auch bei dem Vorschlag, für das Gemeindegebiet eine an individuellen Gegebenheiten orientierte Gestaltungssatzung zu erlassen. Eine Gestaltungssatzung könne beispielsweise Dachfarben und -formen vorgeben.

Ausdrücklich betonten die Gutachter, dass es nicht ihr Auftrag gewesen sei, die Ausweisung neuer Bauflächen vorzuschlagen. Damit reagierten diese auch auf erste kritische Äußerungen in der Bevölkerung, die in dem Gutachten bereits eindeutige Tendenzen erkannt hatte, in den Bereichen „In den drei Segeln“ und der Pappelallee Wohnbebauung zuzulassen. Roetgen sei zwar eine „stark nachgefragte Kommune“, sagt Rolf Westerheide, aber die Frage, wo neue Siedlungsflächen ausgewiesen würden, sei im anstehenden Dialog mit den Bürgern zu erörtern. Vorgeschlagen werden allerdings verschiedene Steuerungsinstrumente wie die Aufstellung von Bebauungsplänen, Gestaltungssatzungen oder Bauherrenberatung.

Wesentlich sei aus seiner Sicht allerdings, die weite bauliche Streuung des Ortes zu erhalten. Auch empfehle er, von Einzelbaugenehmigungen Abstand zu nehmen, da dieses Vorgehen „Zufälligkeiten“ schaffe. Westerheide: „Mit dem Gutachten muss man arbeiten und Konsequenzen daraus ableiten.“ Daher habe man auch einen „Maximalkatalog“ aufgestellt. Wesentlich sei aus seiner Sicht weiterhin, „dass alle Entscheidungen, die die künftige Entwicklung Roetgens betreffen, von Rat, Verwaltung und Bürgern getragen werden.“

Das Gutachten hält fest, dass die Siedlungsstruktur in Roetgen bereits seit Jahrhunderten vorgegeben ist. Das heutige Straßennetz findet sich in seinen Grundzügen bereits auf ganz frühen Karten. In den zurückliegenden Jahrzehnten habe eine „deutliche Auffüllung“ der Innenbereiche stattgefunden. Die „sehr gemischte“ Siedlungsstruktur sei nach wie vor regionaltypisch, und man erkenne, „dass Roetgen in der Eifel liegt“.

Den „größten Handlungsdruck“ sehen die Gutachter im Kernbereich Bundesstraße/Hauptstraße, da eine verstärkte Wanderung des Gewerbes an die Bundesstraße festzustellen ist. Mit der Aufstellung eines Masterplans könne der Kernbereich mehr Charakter gewinnen. In diesem Handlungsfeld hielt es Bürgermeister Jorma Klauss auch für bedeutend, dass die Sparkasse ihren Sitz an die Bundesstraße verlegen wolle.

Stellungnahmen im Ausschuss

„Der Ortskern war immer problematisch und wird es auch bleiben“, sagte Michael Seidel (CDU); daher sei ein sensibles Vorgehen erforderlich. Keinesfalls dürfe man den Rahmen künftiger Entwicklungen zu eng setzen.

Die Ortsmitte müsse neu gestaltet werden, forderte Bernhard Müller (Grüne), der neben einer Baumschutzsatzung auch eine Konzeption für zusätzliches Grün als notwendig betrachtete.

Abschließend meinte Silvia Bourceau (UWG), dass es vorrangig sei, die Lebens- und Wohnqualität in Roetgen zu erhalten. Im Vorfeld der Bürgerversammlung müsse gewährleistet sein, dass den Bürgern das Gestaltgutachten zugänglich sei.

„Überprägung tradierter Siedlungsstruktur“

Innerhalb der Ausarbeitung des Gestaltgutachtens für die Gemeinde Roetgen fand auch eine Bürgerbefragung statt. Ein großes Thema dabei war die Problematik des in den letzten Jahren erfolgten Neubaus von großen Wohnhäusern in der Rosentalstraße. Hier stellten die Gutachter eine „Überprägung der tradierten Siedlungsstruktur“ und einen „Import aus Vorstadtsiedlungen“ fest. Der verstärkte Bedarf nach Wohnraum habe diese Entwicklung ausgelöst. Eine wesentliche Aufgabe sei es daher auch, einen Kompromiss zwischen teilweise dörflich geprägter Bebauung und zukünftigen Bauaktivitäten zu finden.

Daher hat man Roetgen in acht Bereiche aufgeteilt, für die jeweils unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden sollen. Das historisch gewachsene Ortsbild, lautet der Wunsch der Gutachter, solle sich ins kollektive Bewusstsein einprägen, wobei Neues und Altes keine Widersprüche darstellen müssten.

„Die Gemeinde Roetgen ist ein absolutes Unikat.“
Prof. Rolf Westerheide,
Gutachter bei der RWTH Aachen

Quelle:
Foto: H. Schepp, Text: P. Stollenwerk

 

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